Der Vorplatz-Entwurf für die Drogenberatungsstelle DrobInn im Zentrum Hamburgs, Harm Reduction Space, ist ein kontinuierliches Forschungs- und Designprojekt. In Zusammenarbeit mit dem DrobInn, dem Trägerverein Jugendhilfe e.V. und weiteren Stakeholdern aus den Bereichen Soziale Arbeit, Politik und Raumplanung wurden Ko-Kreationsprozesse vorangebracht. Seit 2018 werden in iterativen Schritten Perspektiven, Praxis und Raumwissen verschiedener Akteure gesammelt, gebündelt, ausgestellt, vermittelt und in räumliche Konzepte übersetzt.
Projektbeteiligte:
Das klare Ziel des Projekts war es von Anfang an, proaktiv die Drogenkonsumierenden und die Sozialarbeitenden zu unterstützen. Täglich nutzen 350–500 Menschen den Drogenkonsumraum sowie die öffentlich gewidmete Fläche davor. Insbesondere der Platz vor dem Konsumraum ist jedoch aktiv nicht gestaltet. Nutzungsmöglichkeiten wurden sukzessive reduziert, Sitzobjekte entfernt, Beleuchtung gab es kaum. Viele der größtenteils wohnungslosen Besucher*innen sitzen bei jedem Wetter ohne Unterstand auf dem blanken Boden – häufig auf nasser Erde oder Asphalt.
Unsere Frage lautet: Wie könnte der Platz für das Klientel gestaltet werden? Und wie können wir gemeinsam einen Vorschlag entwickeln, der politisch platziert werden kann und eine Chance auf Umsetzung hat?
Nach der erfolgreichen Umsetzung des Umbaus im vergangenen Sommer kann nun einerseits die Reflexion und Ko-Evaluation beginnen – und noch viel wichtiger: Die nächste Stufe des Prozesses kann entworfen werden.
Die Einrichtung DrobInn wurde seit der Gründung in den späten 1980er Jahren zog vier mal um, wurde kontinuierlich vergrößert, und wurde vor allem im Zuge der akzeptierenden Drogensozialarbeit der frühen 2000er Jahre und der offiziellen Erlaubnis von Drogenkonsumräumen in Deutschland am 1.April 2000 skuzessive weiterentwickelt. Basierend auf dem Konzept der Harm Reduction – also Schadensminimierung durch Spritzentausch, medizinisch überwachten Konsum und Sozialarbeit – wurden suchtnahe Erfahrungen akzeptiert, um mit den Betroffenen in Kontakt zu treten. Nach dem Vertrauensaufbau durch diese Akzeptanz konnte ein weiterer Austausch stattfinden, mit dem Ziel, den Ausstieg aus der Sucht und der sozialen Exklusion zu ermöglichen.
Nach anfänglichen politischen Reibungen fand das Konzept der akzeptierenden Drogensozialarbeit zunehmend breitere Unterstützung. Heute ist die Infrastruktur von DrobInn größtenteils der Gesundheitsbehörde unterstellt, senatsfinanziert und ein integraler Bestandteil sowohl der sozialarbeiterischen Praxis in Hamburg-Mitte und ganz Hamburg als auch der Ordnungspolitik. Sie wird von vielen Akteuren aus unterschiedlichen Gründen gewünscht und unterstützt.
Wieso also ist der öffentliche Raum, in dem so viele Menschen täglich Zeit verbringen, so aktiv ungestaltet? Was fehlt den Menschen vor Ort? Welches Raumwissen und welche Erfahrungen bringen die Leitung des DrobInn, der Trägerverein Jugendhilfe e.V. und vor allem die konsumierenden Menschen selbst mit? Wie kann Design ihre Perspektiven sammeln, bündeln und sozialraumplanerisch positionieren?
In diesem Spannungsfeld der Interessen versuchte ich – und im Laufe der Zeit viele Mitstreiter*innen –, Gestaltungsvorschläge zu entwickeln, partizipative Planungsmodelle zu entwerfen, zu testen, Scheitern zu beobachten und immer wieder neue Ansatzpunkte zu suchen, um in diesem Kontext weiterzuarbeiten.
>> Zeitungsartikel
Im Herbst 2018 fand nach der Kontaktaufnahme durch das Museum für Kunst und Gewerbe und das Architekturkollektiv ConstructLab ein erstes Treffen mit der Leitung des DrobInn statt. Die zentrale Frage lautete: Wie könnte eine Kooperation im Rahmen der im MKG geplanten Social Design-Ausstellung über den Ausstellungszeitraum hinaus aussehen?
Ich wurde als Informationsdesigner für Mapping und Ko-Kreation eingeladen, mich an dem Prozess zu beteiligen.
① Stakeholder Befragungen und Mappings
Nach einem ersten Kennenlernen zwischen uns als Gestalterinnen, dem Museum und dem DrobInn führten wir Stakeholder-Interviews durch. Zunächst sprachen wir niedrigschwellig mit Passantinnen, Menschen am zentralen Busbahnhof, Pendlerinnen auf Fahrrädern und zu Fuß sowie mit Leiterinnen der umliegenden Infrastrukturen wie den Bücherhallen, dem Deutschen Gewerkschaftsbund und Sozialarbeitenden aus nahegelegenen Einrichtungen.
Die Vielfalt an Perspektiven machte uns klar: Der Vorplatz des DrobInn steht für einen grundlegenden Konflikt im Umgang mit Menschen die illegalisierte Drogen konsumieren– ebenso wie mit Wohnungslosen, die auf der Straße leben und/oder durch die Illegalisierung ihres Aufenthalts in Europa mehrfach diskriminiert werden und als Teilfolge davon von Sucht betroffen sind. Trotz räumlicher Nähe sind die jeweiligen Orte unter vielen Gesichtspunkten Inseln unzusammenhängender Realitäten. Diese Diskrepanz sichtbar zu machen, verdeutlicht auch eine Leerstelle in der Planung öffentlicher Räume.
Es entstand eine Serie von Karten und Mappings, die die Akteure und ihre unterschiedlichen Realitäten abbilden sollten. Zudem wurden die baulichen Gegebenheiten kartiert – insbesondere Gitter, Zäune, Trennungen und Hostile Architecture-Interventionen, die den Aufenthalt verhindern sollten. Ziel war es zu zeigen: Der Vorplatz ist ambivalent – einerseits Unterstützungsstruktur und Aufenthaltsort, andererseits Ausdruck einer Exklusionstendenz im Stadtkern, die ein spezifisches Klientel bewusst ausschließt und an den Rand drängt, ohne Angebote zu schaffen, die den Aufenthalt einbetten und menschlicher gestalten.
Im Stadtteilarchiv St. Georg fanden wir zudem Zeitungsartikel aus mehr als 35 Jahren zur Entwicklung der Drogenthematik in St. Georg. Diese spiegeln die enorme Komplexität der Standortentwicklung und die damit verbundenen politischen Reibungen wider. Die Mappings, Befragungen, Fotografien und Zeitungsartikel aus dem ersten Projektschritt wurden zwischen Februar 2019 und Oktober 2019 im Museum für Kunst und Gewerbe einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.
② Workshops mit den Mitarbeitenden
Das langjährige Wissen über sowohl die Lebenssituation der Drogenkonsumierenden als auch die politischen Rahmenbedingungen, unter denen das DrobInn entstanden ist und heute besteht, wurde zum Gegenstand eines konkreten Entwurfsprozesses:
Wie kann der Vorplatz akzeptierender gestaltet werden? Was fehlt? Und wie könnten wir fehlende Funktionen ergänzen und politische Dynamiken bei einer Umsetzung mitdenken?
In mehreren Design Thinking-Formaten sammelten wir auf Post-its zentrale Aspekte, ordneten diese, diskutierten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Perspektiven. Wir zeichneten erste Skizzen auf Papierbögen und erörterten die Vor- und Nachteile bestimmter Ideen.
Außerdem hospitierte ich eine Woche lang im DrobInn, um den Betriebsalltag kennenzulernen: Ich tauschte Spritzen, verteilte Spritzbesteck, gab Tee aus und wischte Tische. Von den Krankenpflegenden ließ ich mir die häufigsten Symptome erklären und zeigen.
③ Weiterentwicklung der Recherchen durch Workshops mit Studierenden
Im Rahmen der Ausstellung fanden Workshops mit Studierenden der Hochschule für Bildende Künste (HFBK), der HafenCity Universität (HCU) und der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg statt. In diesen entwickelten die Studierenden auf Basis unserer Mappings und Recherchen eigene Interventionen und Konzepte, die wiederum Eingang in die sich erweiternde Ausstellung fanden.
Die Studierenden entwarfen weiterführende Kartografien, sammelten Spuren und Hinterlassenschaften, reagierten auf Hostile Architecture durch räumliche Interventionen, die das Sitzen wieder ermöglichten, erkundeten in Derivés versteckte Ecken und Hinterhöfe und setzten ein eintägiges Festival mit temporären Möbeln im Park vor dem Museum um.
④ Konzeption des Vorplatzes mit Drogenkonsumierenden
Auf die Workshops mit den Mitarbeitenden folgte eine mehrtägige Workshop-Serie im Café-Bereich des DrobInn. Hier wurden die Konsumierenden befragt, ihre Ideen, Anliegen und Kernaspekte auf einer Karte gesammelt und gebündelt sowie durch Icons verhandelbar gemacht. Viele der Besucher*innen konnten klar und deutlich benennen, was fehlt, brachten sich aktiv ein und nutzten die von uns bereitgestellten Medien – Pläne, Karten und Modelle –, um schnell und präzise wichtige Punkte zu markieren. Dabei bestätigten sie teilweise die Perspektiven der Sozialarbeitenden, verschärften oder redefinierten sie aber auch.
Manche Stimmen lehnten eine Gestaltung grundsätzlich ab. Der Ort solle düster, unfertig und hart bleiben, damit sich niemand hierhin verirre. Andere, vor allem weibliche Nutzer*innen, beschrieben Orte, an denen sie sich unsicher fühlten und die sie konsequent mieden – Orte, an denen es stank, an denen Übergriffe stattfanden oder mangelndes Licht zu Streit führte, weil Drogen verschüttet wurden. Auch Abgrenzungen nach Nationalitäten wurden thematisiert. Ein internes „Die und Wir“, das das Klientel spaltet, wurde für uns sichtbar.
Im Abgleich der Punkte, die durch Gestaltung verhandelbar erschienen, zeigten sich einige Schnittmengen. Die gemeinsam zu verhandelnden Aspekte waren:
Diese Aspekte wurden nach mehreren Feedbackschleifen und Ko-Kreations-Treffen als zentrale Schwerpunkte identifiziert, die gezielt weiterverfolgt werden sollten.
⑤ Austellen im Museum für Kunst und Gewerbe
Die Ergebnisse aus den Mappings, Workshops und Interventionen wurden im Museum für Kunst und Gewerbe im Rahmen der Social Design-Ausstellung präsentiert.
⑥ Entscheidungsträger*innen einbeziehen und vermitteln
Es entstand ein Vorentwurf, der alle Themen in Objekten und räumlichen Setzungen auf dem Vorplatz verortete. Dieser wurde im Mai 2019 im renommierten Spiegelsaal des MKG vorgestellt und zur Diskussion gestellt – gemeinsam mit dem Leiter des zuständigen Bezirksamts Hamburg-Mitte, Falko Drossmann, sowie Verantwortlichen von Hamburg Wasser, der Stadtreinigung und dem zuständigen Polizeikommissariat.
Einigkeit bestand darin, dass hier etwas geschehen müsse und dass das DrobInn ein wichtiger und gewollter Bestandteil der Hamburger Sozialarbeit sei. Unklar blieb jedoch, wer für die Weiterführung des Vorhabens zuständig war. Die Leitung des DrobInn zeigte sich jedoch motiviert, den Entwurf zur Umsetzung zu bringen, und setzte sich in verschiedenen Foren für eine Ausführungsplanung ein.
Um dies zu unterstützen, übersetzten wir die gemeinsam erarbeiteten Punkte in mehrere Präsentationen und Konzeptpapiere. Diese konnten von den DrobInn-Mitarbeitenden gezielt für Lobbyarbeit sowie die politische Überzeugungsarbeit in Behörden, Ämtern und dem Senat eingesetzt werden.
⑦ Konzeption von Szenarien und Kommunikationsmedien
Auf Basis der Workshops, Gespräche und Annäherungen entstanden gestalterische Szenarien und räumliche Setzungen, die den verschiedenen Akteur*innen im Prozess verdeutlichen sollten: Hier ist Gestaltung möglich. Die Kernaspekte – Sitzen, Licht, Unterstand und Wasser – können durch aktive Gestaltung verhandelt werden.
Unsere Zuarbeit für die Forenarbeit der Sozialarbeitenden sowie die Entwicklung und Bereitstellung von Präsentationen und Broschüren zu den gemeinsam erarbeiteten Entwürfen erwiesen sich zunehmend als zentraler Mehrwert der Kooperation. DIN A4-Broschüren und PowerPoint-Präsentationen ermöglichten eine niedrigschwellige Weitergabe und Verbreitung an Entscheidungsträger*innen.
⑧ Ausführungsplanung durch verschiedene Akteure
Nach längerer Stille um das Vorhaben – bedingt vor allem durch die COVID-19-Pandemie, aber auch durch Veränderungen in der Verwaltungsstruktur und Behördenfinanzierung – gingen wir davon aus, dass unser Projekt zwar öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt und einen Diskurs angestoßen hatte, jedoch weiterhin keine Umgestaltung initiiert werden würde.
Ende 2021 wurde ich dann von Journalistinnen der Zeit kontaktiert und erneut zum Projekt interviewt. Zu diesem Zeitpunkt schien wieder Bewegung in den Prozess zu kommen. Im Sommer 2022 stand schließlich fest: Es gab eine behördliche Ausführungsplanung, die unseren Entwurf als Grundlage nahm – jedoch fatalerweise ohne Einbezug der DrobInn-Leitung oder der Besucherinnen des DrobInn.
Diesen Bruch in unserem langjährigen Ko-Kreationsprozess arbeiteten wir in zwei Diskussions- und Workshopformaten im Freiraum des MKG auf. Unserer Einschätzung nach wurden einige zentrale Aspekte aus dem Ko-Kreationsprozess nicht übernommen, obwohl sich formal und strukturell eindeutig darauf bezogen wurde. Zudem wurde kein aktiver Austausch gesucht, sondern aus unserer Perspektive eher versucht, „das Nötigste“ umzusetzen.
Einerseits war dies ein Schritt in die richtige Richtung und ein großer Erfolg. Andererseits blieb es letztlich nur ein weiterer Zwischenstand – und aus unserer Sicht nach wie vor eine unzureichende Partizipation seitens der Behörden. An diesem Punkt endete meine und unsere aktive Anteilnahme an der Gestaltung des Vorplatzes.
⑨ Weitere Befragungen im Umfeld und Skizzen einer Infrastruktur
Im Mai 2023 führten wir an drei Terminen weitere Interventionen, Modellsetzungen und Passantinnenbefragungen zu den Bedürfnissen im erweiterten Bereich rund um das DrobInn durch. Wir suchten das Gespräch, boten unsere Perspektive an und bauten Hocker sowie Tische. Gemeinsam mit den Besucherinnen des DrobInn rückten wir mitgebrachte Module, testeten Gruppensitze und bewegten 1:1-Modelle. Auf tischgroßen Zeichenflächen erklärten wir unsere bisherigen Erkenntnisse, sammelten weitere Ideen und Kritikpunkte und bündelten die „nächsten Schritte“ – als deutlichen Hinweis auf die verpassten Chancen der bisherigen Ausführungsplanung.
Zusätzlich schlugen wir einen neuen Ort des Austauschs vor: In einem kleinen, provisorischen „Kiosk“ verteilte die Leiterin der Einrichtung Wasser und Limonade, während sie mit zuständigen Polizeibeamt*innen ins Gespräch kam. Dies diente als Real-Test für eine betreute Wasserausgabestelle, die von Sozialarbeitenden betrieben wird. Die Idee dahinter: Die Ansprachearbeit des DrobInn aus dem Gebäude heraus auf den Vorplatz zu verlagern – und damit
⑩ Umsetzung Vorplatz Neugestaltung
Im August 2023 wurde der Vorplatz umgebaut. Einige Dächer sowie Sitzkanten wurden bereitgestellt. Zudem wurde die Beleuchtung erweitert und eine Toilette installiert welche auch einen Trinkwasser Zugang bereitstellt.
⑪ Beobachtung: Zaun & Provisorische Sitzobjektstellung im Mai 2024
Im Frühjahr 2024 wurde ein Zaun angebracht.
Kurz nach der Stellung des Zauns wurde ohne konkrete Raumplanung Betonklötze auf dem erweiterten Vorplatz positioniert.
⑫ Beobachtung:
Erweiterung Vorplatz durch pinke Sonnenschirme und Sitzmöbel
Medien Diskurs:
Resourcen: